Nordpfalzgymnasium Kirchheimbolanden

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Literaturwettbewerb

 Donnersberger Literaturtage 2015

 

An den Donnersberger Literaturtagen 2015 nahmen von unserer Schule Julia Katharina Besand, Nicole Engel und Iris Schultheis teil. Zum Thema M O R G E N L A N D sollten Texte verfasst werden, die nicht mehr als 10 Leseminuten in Anspruch nehmen durften. Iris gewann mit ihrem Text einen vierten Preis.

 

 L a n d   d e s   M o r g e n s

von Iris Schultheis

 

Zerstörte Gebäude. Schreiende Väter. Verzweifelte Mütter. Weinende Kinder.

Eine weitere Explosion in der Ferne. Wieder Hunderte von Leben in nur einem Bruchteil einer Sekunde ausgelöscht. Wieder Tausende von Familien in Fetzen gerissen.

Die Seelen der Getöteten schweben gemeinsam mit unzähligen Staubpartikeln Richtung Himmel.

Wir hoffen, dass sie dort oben ein besseres Leben haben werden. Aber wir sind uns nicht sicher.

 

Die Luft ist geschwängert von Angst und Wut. Angst, ob man den nächsten Tag überlebt. Die nächsten Stunden. Und Wut darüber, dass alles um einen plötzlich nicht mehr existiert. Dass nichts mehr so ist, wie es noch vor ein paar Minuten oder Tagen war.

Mütter halten ihre blutüberströmten Kinder in ihren Armen. Die kleinen, leblosen Körper fest an ihr gebrochenes Herz gepresst. Tränen der Verzweiflung tropfen auf die verbrannte Erde. Sie vermischen sich mit der Asche der Toten. Bilden gemeinsam mit blutigen Bächen ein Sinnbild des Krieges.

 

 

Menschen drängeln. Schieben. Rennen. Ziehen hinter sich ihre kleinen Söhne und Töchter her. Unverdorbene Seelen, die schon zu bald den Abend ihrer unschuldigen Kindheit erreicht haben.

Vereinzelte Rufe. Gelächter. Quengelnde Kinder, die sich trotzig auf den harten Betonboden fallen lassen. Mütter, die ihrem wohlgenährten Kind noch ein Eis kaufen. Väter, die während dessen im nächsten Laden das neuste Videospiel für den Sohn bezahlen.

Großeltern, die ihren Enkeln beim Spielen mit den neu gekauften Playmobilfiguren zuschauen.

 

Langsam verändert sich mein Blickfeld. Ich sehe nicht länger all diese glücklichen und unwissenden Menschen. Ich sehe wieder die grauen Berge von Leichen vor mir, die in den Tagen danach plötzlich auftauchten. Kinder sammelten direkt daneben goldene Patronenhülsen und betrachteten sie mit großen, leuchtenden Augen. Noch vor zwei Tagen hatten diese Hülsen den Tod umhüllt. Den Tod, der ihre Väter, Mütter, Brüder und Schwestern in Arme, Beine und Köpfe getroffen hatte. Den Tod, der hier so allgegenwärtig war.

Ihre kleinen Finger schoben die gesammelten Schätze vorsichtig in die Hosentaschen. Sie wussten es noch nicht besser und sie würden es auch nie besser wissen können.

So schnell, wie die Kampfflieger kamen und über unsere Köpfe hinweg rauschten, so schnell waren sie auch wieder weg. Wieder ließen sie den Tod zurück und zerstören damit von einem Moment auf den anderen 53 hoffnungsvoll begonnene Leben, die nie zu Ende geführt werden konnten.

 

Weinend hielt ich meinen kleinen Bruder in den Armen. Sechs Jahre waren ihm auf dieser Welt vergönnt. Es hätten zehn sein können. Oder 20.

Vor dem Schlafengehen hatte ich ihm immer von dem Land des Abends erzählt. In dem alle Kinder reich sind. In dem niemand Hunger leiden muss. In dem keiner durch Bomben stirbt.

 

Und jetzt stehe ich hier. In dem Paradies, von dem ich immer erzählt habe. Von dem mein Bruder immer geträumt hat.

Und ich bin mir nicht mehr sicher, ob es wirklich das Paradies ist, was wir uns erhofft hatten.

Die Menschen scheinen nicht glücklich zu sein. Hecktisch huschen sie die Gänge entlang.

Mehrmals streifen sie mich und ich habe Mühe, mein Gleichgewicht zu halten.

Es scheint nicht normal zu sein, einfach nur zu stehen. Jeder muss irgendwo hin. Keiner hat auch nur eine Minute Zeit, um sich auszuruhen.

Ich höre die Stimme meines Bruders: „Sie wissen ihr Paradies nicht zu schätzen.“

Und ich weiß, dass er recht hat. Dass diese Menschen gar nicht wissen, wie kostbar jede Sekunde ohne Geschützfeuer oder Explosionen ist. Was es bedeutet, in Ruhe alt werden zu können.

Nein, sie wissen nicht zu schätzen, was sie haben. Und deshalb verdienen sie es nicht.

Ich taste nach dem Auslöser in meiner rechten Jackentasche.

Noch ein letztes Mal schließe ich meine Augen. Sehe kleine Finger vor mir, die mir eine goldene Patronenhülse in die Hand drücken. Er sah in ihr nur einen blitzenden Gegenstand in der strahlenden Sonne. Aber ich wusste, was er bedeutete. Was dieser unscheinbare, kleine, goldene Gegenstand bedeutete: Krieg.

Mein Daumen drückt den roten Knopf und ich lächle. Ich freue mich darauf, endlich meinen geliebten Bruder wieder zu sehen. Meine Mutter und mein Vater. Meine Großeltern.

Warmes, helles Licht umfängt mich. Sie rufen bereits nach mir. Und hinter den Toren des Himmels, im Land des Morgens, werde ich nun ewig mit ihnen leben.

 


 

Donnersberger Literaturtage 2009 - Die Schriftstellerinnen des Nordpfalzgymnasiums überzeugen erneut!

 

Im Mai 2009 fanden zum zweiten Mal die Donnersberger Literaturtage statt, an denen die Schüler der 10.-12. Klassen aller Schulen des Donnersbergkreises mit Prosa und Lyrik zum Thema Windows-Fenster teilnehmen konnten. Von 86 eingereichten Beiträgen wurden die 13 besten während der Literaturtage vorgetragen und die drei gelungensten mit Preisen ausgezeichnet.

Unsere Schule überzeugte erneut durch ihre Leistung: Sinead Keller erschrieb sich den 2. Platz, aber auch Alina Fischer, Paula Sießl, Julia Ebert, Lea Ochßner und Julia Sophie Brandt durften ihre gelungenen Werke vor dem interessierten Publikum präsentieren.

Weitere Informationen zum Wettbewerb: http://www.dltage.de/

 

Vögel würden fliegen        von Sinead Keller (2. Platz)

 

Es ist ein nebliger Tag. Trotzdem fliegen die Vögel.                 

Vögel fliegen immer.

So lang sie möchten.   So hoch sie möchten.       Und so weit sie möchten.

Sie können weit; weit weg. Ein Vogel ist eben frei.

„Paul, komm her und iss’ etwas.

                   Bald kommt Vater!“

Vögel haben keine Väter. Vögel sind frei.

„Du musst doch etwas essen, Kind.“

Vögel müssen nichts. Vögel sind frei.

Es ist egal, wann Vater kommt.

Es tut nichts zur Sache, ob man vorher was gegessen hat.

Ins Zimmer kommt er sowieso.

                   „Paul, nun sei doch nicht so.

 Ich will dir doch helfen.“

Brauchen Vögel Hilfe?

Vögel sind frei, sie bedrückt nichts.
„Dann bleib dort sitzen, an deinem Fenster.“

Die Mutter geht.

Der Vater kommt.

 

Es dauert nicht lange, bis die erste Vase klirrt.

Jetzt fängt es wieder an.

Man hört die Mutter weinen.

Der erste Teller geht zu Bruch.

 

Ein Vogel würde jetzt fliegen.

Aus dem Fenster hinaus, weit, weit weg.

Weg von dem Geschrei und den Scherben.

Und weg von Vater.

In die Freiheit.

Jetzt kommt er her, die Tür fliegt auf.

„Du Nichtsnutz sitzt wieder am Fenster und starrst?“

Ein Vogel würde fliegen.

„Schau mich an, wenn ich mit dir rede!


                   Du faules Stück! Noch frech sein?“

Ein Vogel würde fliegen.

Auf die rechte Wange die Erste.

Gleich danach die linke.

Ein Vogel würde sich auch nicht wehren können.

„Sitz nicht so da. Es reicht dir wohl noch nicht?!“

 

Mit der Faust auf den Brustkorb.

Ein Vogel würde sich nicht wehren.

Aber er würde fliegen.

 

Den Gürtel auf den Rücken. Zwei-, Dreimal.

Schmerz pocht und trotzdem kein Ton.

Vögel singen auch nur, wenn sie fröhlich sind.

 

Plötzlich kommt die Mutter ins Zimmer.

„Du wagst es, hier hereinzuplatzen?“

Die Mutter erwidert nichts.


Vögel würden fliegen.

Der Vater geht auf die Mutter los.

Vögel würden fliegen - fort fliegen.

Der Vater holt aus.

 

Vögel                 fliegen.


 

 

 

 

 

Die Donnersberger Literaturtage  

Die Donnersberger Literaturtage werden vom Literarischen Verein der Pfalz seit diesem Jahr ausgerichtet und sollen alle zwei Jahre in Rockenhausen stattfinden. In diesem Jahr konnten die Schulen im Umkreis des Donnersberges jeweils 20 Texte von Schülern der Oberstufe einreichen, die sich thematisch dem Thema „Zimmer“ zuordnen ließen. Diese Texte wurden dann von einer Jury bewertet und während der Donnersberger Literaturtage vorgestellt und ausgezeichnet.Der Preis für die beste Arbeit wurde nach der Pfälzer Dichterin Susanne Faschon (1925-1995) benannt. Janine Frey vom Nordpfalzgymnasium ist die Siegerin der diesjährigen Donnersberger Literaturtage. Aber auch die Leistungen der anderen Teilnehmer vom Nordpfalzgymnasium waren überzeugend: Von den 14 Arbeiten, die während der Literaturtage präsentiert wurden, stammten sieben Texte von Schülern unserer Schule, wie das Erinnerungsfoto beweist:      

Preisträger
Preisträger

Mehr Infos gefällig? http://www.thyr.info/

Begegnung in der Hotelhalle „Sie standen sich gegenüber, nach all den Jahren standen sie sich gegenüber. In dieser kleinen Hotelhalle, in diesem alten, schäbigen Hotel. Er war aus dem halbdunklen Raum, in dem feierlich gedeckte Tische einer vielleicht nie kommenden Festtagsgesellschaft harrten, in die beleuchtete Halle getreten. Die leisen Schritte hatten sie, jäh aus ihren müßigen Gedanken gerissen und von der Erinnerung eingeholt, aufblicken lassen. Sie standen sich gegenüber. Stumm und erstarrt wie die beiden griechischen Säulen, die die Theke der verwaisten Rezeption schmückten. Überbleibsel. Hölzern und verstaubt.
   Er ist alt geworden, dachte sie, während sie zu ihm hochsah und die lichten Stellen bemerkte. Das weiße Haar steht ihm nicht. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, welche Farbe es früher gehabt hatte: Tiefschwarz war es gewesen. Die Sonne hatte es zum Leuchten gebracht, an jenem Tag auf der Bergwiese, inmitten bunter Blumen und eingerahmt von den aufragenden, in den Wolken verschwindenden Gipfeln. 
  Sie ist alt geworden, dachte er und sah auf sie hinunter. Ihr Haar ist weiß wie das meine, keine Spur mehr von den wilden Engelslocken, die sie damals hatte, an jenem nie vergessenen Tag. Eine Dame war sie geworden, reich durch das Geld eines anderen. Er versuchte unter dem seidenen Kleid mit dem teuren Pelzmantel, dem mit fremden Federn geschmückten Hut und dem auf jung getrimmten Gesicht mit den erstarrten Zügen das junge Mädchen wieder zu erkennen, das zusammen mit ihm im duftenden Gras der Bergwiese gelegen und seinen Worten gelauscht hatte, als erzähle er ein schönes Märchen. Und ein Märchen waren sie geblieben, die Luftschlösser, die sie damals gemeinsam gebaut hatten. Begonnen hatte es mit diesen Märchen, aber für ihn waren sie zu einem Albtraum geworden.Der alte, abgenutzte Sessel neben ihr war frei. Ein leerer Platz an ihrer Seite, über dem fast greifbar ein allgegenwärtiger Schatten lag.    Wird er mich fragen?, überlegte sie. Wird er mich endlich fragen warum? Sie hatte sich eine Antwort zurechtgelegt, damals. Aber er hatte nicht gekämpft. Hatte sie nur angesehen und war dann gegangen. War mit hängenden Schultern einfach gegangen und hatte sie einem anderen überlassen.  Wie viele Jahre sind seither vergangen?, fragte er sich. Er hatte sie gezählt, aber jetzt war es, als wären sie nie gewesen. Lange Jahre voll quälender Fragen. Er hatte sie seit damals nicht mehr gesehen. Er hatte sich überlegt, was er zu ihr sagen würde, aber auch die zurechtgelegten Wörter waren verschwunden. Auf einmal waren sie unwichtig. Jetzt, wo sie sich gegenüberstanden, spielte es keine Rolle mehr, warum. Ihm war, als fiele endlich eine schwere Last von ihm.“
              Mit einem dumpfen Laut klappte das Buch zu. Es ist doch immer dasselbe, dachte sie, beugte sich vor und steckte den abgegriffenen Roman in ihre Handtasche. Alles nur Fiktion. Alles nur erfunden. So etwas passiert doch nicht in Wirklichkeit. Sie stand auf und strich den feinen Stoff ihres blauen Sommerkleides glatt. Griff nach der Handtasche und warf einen kurzen Blick auf das seltsame Paar am anderen Ende der Hotelhalle, jenseits des schmalen, grünen Teppichs, der sich wie ein leuchtendes Band über den gefliesten Boden bis zur Rezeption zog und den Fußboden in zwei Hälften teilte. Ihre Hälfte war in helles Sonnenlicht getaucht, die andere gesprenkelt mit einem Muster aus Helligkeit und Schatten. Eine ältere Frau und ein älterer Mann. Sie, offenbar wohlhabend und mit matten Augen, er, zerknittert wie nach einer langen Reise, aber aufrecht als hätte er sein Ziel endlich erreicht. Sie sahen sich an, als würden sie sich kennen, aber sie sagten kein Wort. Wirklich ein seltsames Paar. Ihr Blick streifte das Gemälde über dem Kopf der alten Dame. Ein seltsamer Stilmix: Eine düstere Berglandschaft in Öl zwischen zwei griechischen Säulen. Sie schüttelte den Kopf. Dann drehte sie sich um, ging den grünen Teppich entlang und verließ die Hotelhalle durch die altmodische, gläserne Drehtür. Ein nach Frühling riechender Windhauch verfing sich in ihren blonden, lockigen Haaren. Auf sie wartete der Zug in die Berge.  

Mit diesem Text gewann Janine Frey (MSS 11) den Susanne-Faschon-Preis.